Motorschiff Vanessa Ann

Das recht wechselvolle Schiffsleben der SBA begann 1951. In jenem Jahr wurde auf der Werft Richards Ironworks in Lowestoft an der Ostküste Mittelenglands ein 100´ Dieseltrawler mit Nr. LT254 gebaut. Bestellt hatte ihn die Rhondda Fishing Co Ltd. aus Grimsby für den Hochseefischfang im Nordatlantik.

LT 254 Vanessa Ann
LT254 Vanessa Ann (Quelle: Fleetwood Motor Trawlers)

Das Schiff besteht aus Stahl, ist genietet und verfügt über 30,4 m Länge, 7 m Breite, 316 ts Verdrängung und 3,5 m Tiefgang. Angetrieben wird es mit einem 8-Zylinder-Dieselmotor. Für eine wochenlange Fahrt konnten in zwei Tanks über 30 t Kraftstoff gebunkert werden. Es erhielt den Namen VANESSA ANN. 

Im Bild links sieht man das Schiff im ursprünglichen Bauzustand. Für die Hochseefahrt typisch sind die hohe Back, die Bugform für das relativ "weiche" Eintauchen in die Wellenberge und mittschiffs das erhöhte Ruderhaus. Weiterhin sind die zwei Arbeitsmasten und Teile des Fanggeschirrs zu erkennen.

 
FD133 Vanessa Ann
FD133 Vanessa Ann (© Peter Brady, Quelle Fleetwood Motor Trawlers)

1957 wurde das Schiff an die Dalby Steam Fishing Co Ltd. in Fleetwood verkauft und unter der Kennung FD133 registriert.

Arbeitsleben

Unter der Flagge Großbritanniens und vom Hafen Fleetwood aus fuhr der Hochseetrawler auf Fischfang. Das Fanggebiet des mittelgroßen Trawlers lag in den Gewässern rund um Island. Die VANESSA ANN wurde in den "Kabeljaukrieg", einem Streit um die Fanggebietsgrenze, verwickelt und erlitt bei einer Kollision mit dem isländischen Kanonenboot THOR eine erhebliche Beschädigung am Vorschiff. Später diente sie unter neuen Eignern als Überwachungsschiff im Offshorebereich für Ölplattformen in der Nordsee. Als auf Grund eines Dichtungsversagens der Ölpumpe die Kurbelwellen- und Pleuellager zerstört waren, wurde sie 1973 aufgelegt und schließlich verkauft.

Entfernung der Kurbelwelle (© Lorna Jones)

Der Käufer, der aus London stammende Alan W. Smallwood, wollte das Schiff als schwimmende Werkstatt ausbauen und es auf die südpazifischen Inseln überführen. Der Kaufvertrag umfasste auch den Einbau eines neuen Hundested 2-Zylinder-Motors. In einem Kraftakt entfernte er mit 3 Freunden, darunter Lorna und Pete Jones, innerhalb von 6 Wochen die defekte originale Polar Maschine. Anschließend wurde das Schiff nach Esberg in Dänemark geschleppt, wo die neue Maschine installiert wurde. (→ weitere Bilder und Informationen).
Danach machte die VANESSA ANN im Londoner Victoria Dock fest, um die Umbauarbeiten abzuschließen. Unter anderem wurde der Rumpf hier weiß gestrichen. Bedauerlicherweise erkrankte Alan vor der Vollendung seiner Pläne und musste das Schiff 1984 verkaufen.

Umbau zum Segelschiff

Umbau zum Segelschiff in Cornwall
Umbau zum Segelschiff in Cornwall

Der Marineingenieur und Takler Reg March und Jack Scott erwarben das Schiff. Von 1984 bis 1985 fand ein aufwändiger Umbau in Padstow (Cornwall) statt: die hohe Back und der Brückenaufbau der VANESSA ANN wurden entfernt. Das Deckshaus darunter beließ man als Deckssalon und Kartenraum und überbaute es mit einem Sonnendeck, das bis zu den Bordwänden gezogen wurde. Alle Decks belegte man mit Teakholz. Da der Schoner nur Tagesausflügler transportieren sollte, beließ man die Unterkünfte der Crew in ihrem ursprünglichen Zustand; vier Kojen in der Focksel (gegenwärtig Kabelgatt), zwei Einzelkammern im Achterschiff und dahinter sieben Kojen im "Hotel zur Schraube". Der ehemalige Fischraum wurde zu einer großen klimatisierten Disco und Bar umgestaltet.

 
Jungfernfahrt der Vanessa Ann als Segelschiff
Jungfernfahrt als Segelschiff

Unter Ausnutzung der Fundamente des Fischereigeschirrs wurde das Schonerrigg aufgesetzt. Die Arbeitsmasten ersetzte man durch Stahluntermasten, und vor das Deckshaus kam ein zusätzlicher Untermast aus Stahl auf das Deck. Die Stengen, Rahen, Bäume und Gaffeln aus Holz machten das grundsätzliche Rigg des Dreimast-Bramsegelschoners (three-masted topsail schooner / Dreimast-Toppsegelschoner) aus. Durch das Hinzufügen eines Klüverbaums erhöhte sich die Gesamtlänge des Schiffes auf 44,2 m. Der Ausbau des Stevens zur Aufnahme des Klüverbaums erhöhte die Rumpflänge auf 34,1 m. Der Großmast maß 27,7 m über Wasser und 12 Segel brachten 538 m² Fläche an den Wind. 200 Tagesgäste sollte die VANESSA ANN aufnehmen können.

Unterwegs unter Segeln

Im Charterdienst 1987 auf Barbados

Bei den ersten Probeschlägen 1985 erwies sie sich als guter Segler. Im Juni des Jahres setzte sie Segel mit Kurs Antigua (Kleine Antillen), um von dort aus ab Juli Tagestörns zu fahren. Dieses Vorhaben stieß jedoch auf erheblichen Widerstand der dort ansässigen Tourismusunternehmen. Schließlich führte dieses Dilemma zum Verkauf des Schiffes.

1986 wurde die VANESSA ANN von ihren neuen Eignern Charles W. Clowes und David Cox auf Barbados (Kleine Antillen) stationiert. Doch obwohl die VANESSA ANN bei weitem das beste Schiff in der gesamten Umgebung war, konnte sie sich mit ihrem Angebot an Tagestörns nicht ohne die Hilfe ihrer in England lebenden Eigner gegen die Konkurrenz durchsetzen.

Aus diesem Grund wurde sie 1990 nach Hause beordert. In St. Thomas auf den US Virgin Islands wurde sie noch einmal für die Überfahrt instand gesetzt. Nach einer äußerst langen Reise erreichte sie am 03.07.1990 Plymouth. Die vormals neuen Segel waren nicht mehr segeltauglich, der Hundested-Motor lief nur noch sehr unzuverlässig und die Inneneinrichtung war völlig abgenutzt.

Erwerb durch Joey Kelly

1993 erwarb Joseph Maria Kelly das vernachlässigte Schiff. Es wurde 1994 mit erheblichem Aufwand renoviert und teilweise den Bedürfnissen der Großfamilie entsprechend umgestaltet. Die Unterkünfte erhielten einen Teakholzausbau, die Kojenanzahl wurde erhöht und die Decks mit neuem Holzbelag versehen. Als privates Segelschiff sollte es dem Segelsport, der Erholung und Werbezwecken dienen. Die Kelly Family hat ihren künstlerischen Ursprung in der Volksmusik Irlands, weshalb es in Dublin und Cork lag, aber mit Heimathafen Lowestoft registriert war und unter britischer Flagge fuhr. Ihr zu Ehren und Andenken benannte die Familie nach dem Ableben ihrer Mutter Barbara Anna das Schiff in SANTA BARBARA ANNA um. Es wurden Fahrten in der Irischen See sowie nach Frankreich, den Niederlanden und in die Ostsee unternommen.

Als Traditionssegelschiff in Rostock

1995 lief das Schiff Rostock erstmals an, und es wurden Kontakte zu Rostocker Fans und Jugendlichen geknüpft. Durch viele Verpflichtungen konnte die SANTA BARBARA ANNA nur wenig durch die Kelly Family genutzt werden. So entstand die Idee, segelsportbegeisterten Rostocker Jugendlichen das Schiff zur Nutzung zu übergeben. Entgegen den Medienberichten Mitte des Jahres 2000 lehnte die Hansestadt Rostock ein gleichlautendes Angebot jedoch ab. Vielmehr erfolgte die Nutzung und Instandhaltung der SANTA BARBARA ANNA seitdem bis zum Jahr 2013 durch den Verein »Odin 1 e.V.«.

Im Rahmen dieser jährlichen Instandhaltungsarbeiten wurde Anfang 2005 von der Stammcrew in eigener Regie ein Holzkiel gefertigt und montiert. Ca. 4000 kg Eichenholz wurden verbaut, die Segeleigenschaften der SANTA BARBARA ANNA zu verbessern. Seit dem 01.07.2006 läuft die SANTA BARBARA ANNA unter 14 Segeln. Eine zusätzliche Breitfock mit 110 m² vergrößert die Segelfläche auf 667 m².

Seit 2013 ist das Schiff auf der "Overseas Watch List" der »National Historic Ships UK« gelistet, einer britischen Organistion, die ein Register der historischen britischen Schiffe pflegt und der Öffentlichkeit wertvolle Informationen rund um dieses Thema bereitstellt.

Seit dem 1. Januar 2014 betreibt der gemeinnützige Verein »Bramschot e.V.« in Rostock die SANTA BARBARA ANNA. Ziel und Zweck dieses aus Kreisen der Crew gegründeten Vereins ist es, die traditionelle Seemannschaft auf Großseglern als Brauchtum zu erhalten und zu pflegen und durch Einbeziehung Jugendlicher an die nächste Generation weiterzugeben.


Besonderer Dank gilt Lorna und Pete Jones für das bereitwillige und geduldige Teilen ihrer Erinnerungen und Fotografien. Ebenso danken wir Fleetwood Motor Trawlers für die Erlaubnis zur Verwendung der Bilder und die Bereitstellung umfangreicher Daten zur Geschichte unseres Schiffs sowie überhaupt für die tolle Arbeit zur Plege dieses maritimen Erbes.

 

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