Erst die Ausbildung, dann das Segeln….

Ein subjektiver Bericht

„Die aktuellen Temperaturen: Rostock 21°…“ meldet der Sprecher im öffentlich-rechtlichen Rundfunk an diesem 6. April 2019 um 15:00 h. So warm war es noch nicht, als wir uns heute Morgen zu um neun im „Hörsaal“ der Werkstatt am alten Hafen trafen, um an der seemännischen Ausbildung des Bramschot e.V. teilzunehmen. Wir, das sind drei Frauen und 13 Männer, die sich von Skipper Peter Mai in die Grundlagen und Grundkenntnisse der traditionellen Segelschifffahrt einweisen lassen wollen. Auf dem Plan stehen

  1. Grundaufbau und Funktion der Takelage, Segeltechnik und Segelmanöver;
  2. Grundprinzip Ab- und Anlegen, Festmachen mit Leinenkommandos und Anker klar zum Fallen vorbereiten

Zunächst erfahren wir, warum die "SANTA BARBARA ANNA" überhaupt Fahrt durchs Wasser macht, wenn die Maschine nicht läuft: Der anströmende (wie wir später erfahren, der scheinbare) Wind erzeugt auf der Segelaußenseite einen Unterdruck, der in Vortrieb umgewandelt wird. Und wenn der Wind von hinten kommt, dann schiebt er einfach, wenn er direkt von vorne kommt, geht gar nix…

Man kann es sich ja fast denken: Damit auf dem Schiff nicht alles durcheinander geht, wenn Segelmanöver durchgeführt werden sollen, muss alles seinen Namen haben, auch die Masten. Die drei Masten der "SANTA BARBARA ANNA" werden von vorne nach hinten wie folgt bezeichnet: Schoner-, Groß- und Besanmast. Das ist ja noch relativ leicht zu merken. Ebenso, dass die in Fahrtrichtung gesetzten Segel Schratsegel sind, im Gegensatz zu den quer stehenden Rahsegeln. Diese nennen sich von oben nach unten Bram, Ober- und Untermars. Wenn wir dann vom Oberdeck sehnsüchtig recht voraus auf das Meer schauen wollen, können uns Stagfock, Innenklüver, Außenklüver und Jager - die Vorsegel - die Sicht versperren. Zum Glück sind sie nicht immer alle gleichzeitig gesetzt.

Wir erfahren, was der Unterschied zwischen stehendem und laufendem Gut der Takelage ist, wir erfahren, dass das Gaffelsegel oben von der Gaffel und unten vom Baum gehalten wird und die Gaffel eine Klau hat.

Peter bringt uns all diese Informationen in seiner ruhigen Art nahe, unterstützt von Darstellungen auf dem Tafelschreibblock. So werden wir nicht nur akustisch, sondern auch optisch auf den späteren Rundgang auf dem Schiff vorbereitet.

Es folgen viele weitere fachspezifische Informationen: Über die Segelstellung geht es zur Reihenfolge des Setzens und Bergens der Segel ebenso wie zur Bezeichnung der Leinen, Fallen. Wir erfahren, dass Dirk nicht nur ein männlicher Vorname ist, sondern die Dirk eine wichtige Rolle beim Segeln spielt.

Unterbrochen von einer kurzen Pause, die unsere kleinen grauen Zellen auch wohl brauchen können, geht es weiter im Programm. Da dieser Bericht kein Protokoll sein soll, darf ich auf Einzelheiten verzichten. Nicht unerwähnt bleiben soll allerdings, dass Peter uns sehr anschaulich die Situation und das Verhalten im Falle eines „Mensch über Bord“-Manövers erläutert hat. Ebenso haben wir gelernt, wie an- und abgelegt wird und wie das Schiff sicher im Hafen vertäut wird. Egal, ob es sich um einen Tagestörn vor Warnemünde oder einen Mehrtagestörn in fremde Gefilde handelt: An- und ablegen muss man immer. Ich will es nicht als Königsdisziplin bezeichnen, aber ich weiß, dass diese Manöver die meisten Zuschauer beim „Hafenkino“ haben, fast alle in der ersten Reihe sitzen (stehen) und es (fast) alle natürlich anders, besser, eleganter oder sonst wie gemacht hätten…..

Der Abschluss des theoretischen Teils bescherte uns einen Exkurs in die Rettungs- und Signalmittel. Am meisten hat mich doch ein mir bis dahin unbekanntes Hilfsmittel beeindruckt: Eine Leinenkanone mit 250m Leine! Ein wenig fühlte ich mich an den Film „Men in Black“ erinnert - Agent J hätte seine helle Freude gehabt!

Nachdem unsere Köpfe mit reichlich Neuem bereichert worden sind, machten wir uns auf den Weg zur "SANTA BARBARA ANNA", wo die fleißigen Ehrenamtler schon seit morgens zahlreiche Arbeiten am und im Schiff verrichteten. An diesem Vormittag hatte der Verein zudem Besuch vom NDR bekommen, der einen Beitrag für das Nordmagazin aufgezeichnet hat. Schöne Werbung für die "SANTA BARBARA ANNA" und für die Traditionsschifffahrt!

Bei strahlendem Sonnenschein führte uns Peter an Deck zu einzelnen Nagelbänken und zeigte uns „in Echt“, was wir am Vormittag vermittelt bekommen hatten, er erläuterte uns die Takelage und noch einiges mehr. Auch beim Rundgang auf dem Schiff verging die Zeit wie im Flug. Gestärkt mit einem kräftigen Eintopf erhielten wir die letzten Informationen für diesen Ausbildungstag. Ende des Monats geht es dann auf den Ausbildungstörn - ich bin schon sehr gespannt!

Stanislaus Lodzik

 

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