Segeltraining auf der "SANTA BARBARA ANNA" - Der zweite Tag

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Ein Erfahrungsbericht

Heute gilt es!

Bevor wir ablegen, wird die "SANTA BARBARA ANNA" seeklar gemacht. Neben allen anderen notwendigen Aktivitäten sei beispielsweise genannt, dass alle Rettungsmittel an die dafür vorgesehen Positionen gebracht werden, die Schiffsglocke angeschlagen wird und vor allem, dass die Segel so vorbereitet werden, dass sie auf See gesetzt werden können. Die Schratsegel können von Deck und vom Klüvernetz aus „ausgepackt“ werden. Die Klarierung der Rahsegel erfolgt hoch über dem Deck. Die Schwindelfreien aus der Besatzung entern behände, gesichert durch ihr Klettergeschirr, die Takelage und bereiten die Segel vor. Mir wird allein vom Zugucken fast schwindlig.

Bei einer Lufttemperatur von 13°C, einem Luftdruck von 1020 hPa und einem Wind der Stärke 3 aus WNW legt die "SANTA BARBARA ANNA" um 09:05 h ab. Wir fahren Richtung Warnemünde, passieren die Molenköpfe und verlassen das betonnte Fahrwasser in Richtung Osten.

Schulmäßiges Segel setzen und bergen

Das Segelsetzen soll heute schulmäßig geübt werden. Es liegt ein nördlicher Kurs an, als nacheinander Besan, Groß, Schoner, Innenklüver, Außenklüver, Jager, Untermars, Obermars und Bram sowie die Stagfock gesetzt werden. Bootsmann Olaf gibt klare Kommandos und in einem guten Zusammenspiel zwischen Stammcrew und Trainees gelingen die jeweiligen Manöver recht gut. Der Wind hat immer noch nicht aufgefrischt, so dass wir nur mäßig Fahrt über Grund machen. Das ist vielleicht auch ganz gut so, denn heute wollen wir Ankermanöver unter Segeln fahren.

Ankermanöver

Zum Fallenlassen des Ankers muss die Fahrt aus dem Schiff genommen werden, weil sonst sehr schnell die Ankerkette überfahren werden kann und die Ankerflunken nicht greifen. Zum „Abbremsen“ wird das Schiff in den Wind gedreht und die Rahsegel vierkant gebrasst, d.h., sie stehen im rechten Winkel zur Mittschiffslinie. Die Schratsegel werden auf eben diese Linie gebracht und bieten damit direkt im Wind so gut wie keine Angriffsfläche. Die Segel sind entsprechend gestellt, die "SANTA BARBARA ANNA" steht im Wind, als das Kommando „Lass fallen Anker“ ertönt und eine Kettenlänge gesteckt wird. Position und Verhalten der Ankerkette werden aufmerksam beobachtet, damit zu gegebener Zeit die Meldung „Anker trägt“ erfolgen kann. Wir werden vom Gewicht des Ankers und der Kette auf Position gehalten und können mit einem „Anker auf“ das Manöver beenden. Die Segel werden wieder so gestellt, dass das Schiff Fahrt aufnimmt.

Es ist diesig und feucht auf der Ostsee, der Himmel 8/8 bedeckt und die gefühlte Temperatur liegt einiges unter der angezeigten von immer noch 13°C. Ich finde es ungemütlich und hadere mit mir selbst, weil ich mich trotz besseren Wissens zu dünn angezogen habe. Eigene Selbstschuld.

Langsam stellt sicher der Hunger ein. Das Kommando „Backen und Banken“ bietet die Möglichkeit, sich in der großen Messe ein wenig aufzuwärmen. Dazu trägt maßgeblich auch das von Gabriele zubereitete Gericht bei: Penne rigate, al dente gekocht und in der Pfanne mit einem hausgemachten Basilikumpesto veredelt, schmecken einfach nur hervorragend, zumal sie noch mit gerösteten Pinienkernen bestreut waren. Einen herzlichen Dank für die Arbeit und Mühe, die in der Vor- und Zubereitung dieser Mahlzeit steckt. Vom selbstgebackenen Kuchen, mit dem wir nachmittags verwöhnt werden, ganz zu schweigen...

Segelmanöver Wenden, Person über Bord und Aussetzen des Bereitschaftsbootes

Als ob sie ein Einsehen hätte, kämpft sich jetzt auch die Sonne durch den Wolkenschleier und bescheint unser nächstes Manöver: Person über Bord. Bei unserem Manöver übernimmt ein Rettungsring der "SANTA BARBARA ANNA" die Rolle der Person. Vor der Durchführung werden alle Beteiligten in ihre Rollen eingewiesen. Zudem bringen wir an Backbord mittschiffs das Bergenetz aus, das uns später dazu dienen soll, die geborgene Person an Bord zu hieven.

Zunächst fahren wir eine Wende und sind danach auf einem südöstlichen Kurs von ungefähr 160°, als der Ruf „Mensch über Bord“ ertönt. Sofort begeben sich alle auf die ihnen zugewiesen Posten. Auf dem Oberdeck steht der Mann, der permanent die über Bord gegangene Person im Auge behält und mit ausgestrecktem Arm in ihre Richtung zeigt.

Nachdem das Schiff das notwendige Manöver gefahren hat und die Segel in die entsprechende Stellung gebracht wurden, wird das Bereitschaftsboot zu Wasser gelassen und bemannt. Professionell wird der zum Glück gut sichtbare Rettungsring nach 9 Minuten geborgen und zum Schiff gebracht, wo das Übungsobjekt mit dem Bergenetz an Deck gebracht wird. Das Bereitschaftsboot wird wieder an Bord geholt und wir segeln weiter im Seegebiet vor Warnemünde. Zwischenzeitlich hat der Wind auf 4 bis 5 Beaufort aufgefrischt, so dass wir jetzt schnellere Fahrt über Grund machen und bis zu 10° krängen.

Mittlerweile ist es Zeit, an die Heimfahrt zu denken. Der Rudergänger dreht die "SANTA BARBARA ANNA" in den Wind und wir bergen die Segel in umgekehrter Reihenfolge des Setzens.

Bei der Einfahrt in den Seekanal meldet Rainer, der auch heute als Kapitän das Kommando an Bord hat, die "SANTA BARBARA ANNA" bei Warnemünde Traffic mit Ziel Stadthafen an. Wie ich von ihm erfahre, ist diese Anmeldung verpflichtend. Die Verkehrszentrale des WSA Stralsund in Warnemünde hat das Schiff aufgrund des AIS im wahrsten Sinne des Wortes auf dem Schirm, aber das reicht nicht aus. Rainer erklärt mir zudem, dass auf der Fahrt zum Liegeplatz noch an zwei von Warnemünde Traffic bestimmten Punkten eine Meldung abzugeben ist.

Hafenklar machen

Während wir unter Maschine stromaufwärts fahren, wird das Schiff hafenklar gemacht. Die Schoten, Fallen und Brassen werden sauber aufgeschossen und auf den Nägeln belegt, die Segel wieder „eingepackt“. Wie beim Seeklarmachen müssen dafür wieder die Schwindelfreien in die Takelage, auf der Rückfahrt sind es letztlich vier Mann, die das Segeltuch an den Rahen festzeisen. Nachdem alles ordentlich erledigt ist, kommen die Feinheiten. Die Rahen stehen nicht in dem Winkel zum Mast, wie sie eigentlich sollten. Deshalb werden sie mit den Topnanten gedumpt, sodass sie alle parallel zueinander stehen und anschließend nach Backbord gebrasst.

Bei Großereignissen wie der HanseSail werden bei allen Rahseglern die Rahen so gedumpt, dass sie in einem spitzen Winkel zum Mast stehen. Damit wird verhindert, dass die Rahen miteinander kollidieren, Beschädigungen auftreten und Gefährdungslagen entstehen, wenn mehrere Schiffe im Päckchen nebeneinander liegen.

Dazu fiel mir folgendes ein:

Wenn die Rahen krachend splittern wird’s den Käpt‘n sehr verbittern

Angekommen. Bereitwillig übernimmt ein Vereinsmitglied die Wurfleine mit dem Festmacher. Das Logbuch vermeldet: „16.56 mit Bb-Seite fest im Stadthafen; LP83.“

Alle packen mit an, um den Zustand „rein Schiff“ herzustellen. Das ist halt so an Bord.

Anschließend versammelt sich die Crew mittschiffs, wo Rainer die beiden Ausbildungstage auswertet. Seiner Meinung nach war es ein erfolgreiches Ausbildungswochenende. Die Zusammenarbeit zwischen der Stammcrew und den Trainees hat aus seiner Sicht gut funktioniert und die Abläufe an Deck liefen immer besser. Er schließt seine Ausführungen mit den Worten: „Ich bin zufrieden“. Trainee, was willst Du mehr?

Ich habe diese beiden Tage als lehrreich und interessant erlebt. Es waren nicht nur die Ausbilder, die jederzeit gefragt werden konnten und bereitwillig geantwortet haben. Auch die Leute von der Stammcrew haben uns geholfen, wo es notwendig und angebracht war, sie haben uns teilhaben lassen an ihren Erfahrungen und an ihrem Wissen.

Natürlich konnte ich mir nicht alles merken, was gesagt, erklärt und erläutert wurde. Aber dafür gibt es ja das Ausbildungshandbuch, in das man sich bei Bedarf vertiefen kann und das Antworten auf die Fragen hat, die man an Bord nicht gestellt hat. An diesen beiden Tagen wurde deutlich, dass ein solch schönes Schiff wie die "SANTA BARBARA ANNA" nur dann gesegelt werden kann, wenn alle an einem Strang (ich weiß, das ist nicht der seemännische Ausdruck) ziehen, vor allem, alle in die gleiche Richtung!

Ich fühlte mich willkommen an Bord der "SANTA BARBARA ANNA". Danke!

Stanislaus

 

 

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