Werftmarathon 2020

Im kommenden Jahr feiert die Santa Barbara Anna ihren 70. Geburtstag. Ein Alter, in dem ein Schiff deutlich mehr Zuwendung und Pflege benötigt, als ein frisch vom Stapel gelassenes – ganz ähnlich wie bei uns Menschen.

Um bei Schiffen jeden Alters das Unfallrisiko zu minimieren, fordert die Dienststelle Schiffssicherheit der Berufsgenossenschaft Verkehr alle 5 Jahre eine umfangreiche Besichtigung – fast wie der „TÜV“ für Autos. Im Unterschied zur Hauptuntersuchung für Kraftfahrzeuge ist das bei Schiffen deutlich aufwändiger und teurer. Erst recht, wenn es sich um ein so betagtes wie unseres handelt.

Ein Teil der Untersuchungen erfolgte bereits im letzten Winter. Das stehende Gut der Takelage hat damals die Prüfung mit wenigen Auflagen bestanden. Nun war also „der Rest“ dran. Die gute Nachricht kam recht bald: Maschine, Brandschutz, Sicherheit, Umweltschutz und Navigation – alles im grünen Bereich.

Hautpflege

Ein weiterer wichtiger Teil der Sicherheitskontrolle ist die Messung der Außenwandstärke mit Ultraschall. Dafür musste die Santa Barbara Anna komplett aus dem Wasser gehoben werden. Durch Korrosion wird die Außenwand Jahr für Jahr einen winzigen Teil dünner. Während vor 5 Jahren keine Beanstandungen erfolgten, wurden dieses Mal einige untermaßige Bereiche gefunden. Die Kollegen von der Peene-Werft konnten ihre gesamte Schiffbauerkunst aufbieten, um Ersatz für die betroffenen Stellen zu fertigen, einzupassen, zu befestigen und abzudichten! Zusätzlich musste unsere Crew die Bordwand von innen zugänglich machen. Das hieß wahlweise Verkleidungen entfernen, Tanks leeren oder auch Kojen ausbauen.

Bei einem Werftaufenthalt wird routinemäßig auch das Unterwasserschiff gereinigt, abgeschliffen und mit neuer Farbe versehen. Diese Aufgabe hat die Firma General Coating hervorragend gelöst. Auch oberhalb der Wasserlinie hatte das Kleid der Santa Barbara Anna einige unschöne Stellen. Um diese kümmerten sich die Crewmitglieder selbst. Überhaupt ist es durch viel ehrenamtlichen Einsatz gelungen, die Kosten trotz vieler notwendiger Arbeiten in einem gerade noch erträglichen Rahmen zu halten. In den ersten beiden Wochen waren wir dafür mit neun Mann im Einsatz! Nachdem die meisten durch uns ausführbaren Tätigkeiten erledigt waren, haben wir die Werft-Crew auf drei bis vier Personen reduziert.

Böse Überraschung

Mit der Werft hatten wir für die Routinearbeiten eine Liegezeit von drei Wochen geplant. In unseren Worst-Case-Überlegungen haben wir mit fünf Wochen gerechnet. Tatsächlich waren wir am Ende neun Wochen in der Werft! Entsprechend lang waren auch die Einsatzzeiten unserer Mitglieder. Viele waren mehrere Wochen dabei, manche sogar während der gesamten Aufenthaltsdauer des Schiffs! Täglich wurde von 7 bis 17 Uhr gearbeitet – und das, obwohl einige aus der Crew nicht jünger sind als das Schiff selbst!

Was hat die unerwartet lange Werftzeit verursacht? Neben den unerfreulich vielen auszubessernden Stellen in der Bordwand war das vor allem ein Problem mit der Antriebswelle. Die Welle musste ausgebaut werden, um ein Lager zu erneuern. Da keine Zeichnungen mehr vorhanden waren, traute sich keine der Firmen vor Ort zu, den Propellernabe vom äußeren Stevenrohrlager zu trennen. Zu groß war das Risiko einer Beschädigung. Also wurde die komplette Baugruppe samt der Schwanzwelle mit einem LKW zum Hersteller Hundested nach Dänemark transportiert. Dort wurde nicht nur festgestellt, dass die Welle in den 70ern aus den Antriebsanlagen mehrerer verschiedener Schiffe zusammengesetzt wurde, sondern leider auch, dass sie Risse hat! Da es sich um ein zentrales Element für den sicheren Betrieb des Schiffs handelt, wollten wir uns auf keine Reparaturexperimente einlassen und haben uns für eine Neufertigung entschieden. Und die hat dann eben einige Wochen gedauert. Immerhin können wir den Propeller weiter verwenden!

Weitere Baustellen

Eine anderes sehr aufwändiges Projekt war die Konservierung der Trinkwassertanks. Die Spezialisten von General Coating übernahmen die Arbeiten im Inneren – die alte Beschichtung in den Tanks wurde mit Sandstrahl und viel Mühe entfernt, anschließend bekamen sie einen neuen Farbaufbau. Äußerlich haben die Tanks neue Deckel erhalten. Dafür musste durch die Crew der gesamte Aufbau des Achterdecks entfernt werden. Dieser Umstand wurde dann genutzt, um den größten Teil des Achterschiffs gleich mit zu konservieren.

Eine vergleichsweise schnell erledigte, aber trotzdem wichtige Aufgabe war die Erneuerung der Kettenlängenmarkierungen. Diese werden benötigt, um beim Ankern die richtige Länge der Ankerkette ausbringen zu können. Unsere Kette enthält übrigens sieben Längen á 25 m. Sie musste dafür komplett gezogen werden. Diese Gelegenheit wurde genutzt, um auch den Kettenkasten zu konservieren und seine Entwässerung neu zu gestalten.

Und die Liste der durchgeführten Arbeiten ist noch länger. Die Abwasserpumpe wurde überholt. Ein Bullauge wurde abgedichtet und musste dafür ausgebaut werden. Das Schiff wurde vermessen und neue Ahminge im metrischen Abstand befestigt. All dies wurde durch unsere Crew in Eigenleistung vollbracht.

Geschafft!

Nachdem die lange Wartezeit auf die Ersatzteile aus Dänemark ein Ende hatte und Welle samt Propeller wieder eingebaut waren, wurde das Schiff zu Wasser gelassen. Der Dichtigkeitstest – nach so vielen Arbeiten an der Bordwand unabdingbar – brachte keine Leckagen zu Tage. Darauf wurde zunächst eine Standprobe unter Maschine durchgeführt, ein erster Belastungstest, bei dem das Schiff noch fixiert ist. Anschließend erfolgte eine Erprobungsfahrt auf dem Peenestrom mit mehreren Wenden. Dabei galt das Hauptaugenmerk der überarbeiteten Antriebsanlage. Der Test verlief erfreulicherweise reibungslos. Danach wollte die Crew – und sicher auch das Schiff – so schnell wie möglich zurück nach Rostock. Am 31. Oktober erreichten sie die heimatliche Pier. Im Gegensatz zu früheren Wintern bleibt die Santa Barbara Anna jetzt das ganze Jahr über im Stadthafen. Zum Einen sind hier die Liegegebühren geringer, zum Anderen ist es auch eine Folge unseres Umzugs. So ist nun zwar der Weg zwischen Werkstatt und Schiff etwas länger. Allerdings ist das Schiff jetzt für die Rostocker deutlich präsenter und bietet dauerhaft einen schönen Anblick im Stadthafen.

Lohn dieses hohen körperlichen und finanziellen Einsatzes ist ein erneuertes Schiffssicherheitszeugnis. Es gilt zunächst für drei Jahre. Danach erfolgt eine Zwischenbesichtigung, die allerdings keinen Besuch in der Werft erfordert. Im positiven Fall wird das Zertifikat um weitere zwei Jahre verlängert. Uns bleibt also bis 2025, um Kraft und finanzielle Polster für den nächsten Werftaufenthalt zu sammeln. Hoffen wir, dass wir möglichst bald die Früchte dieser Anstrengungen ernten und unseren Gästen endlich wieder lebendige Großsegeltradition vermitteln können!

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